Bahnchef Mehdorn gilt als dickfellig. Seit seinem Amtsantritt am 16.12.1999 durchziehen Skandale, Unsensibilitäten und Fehlentscheidungen seine Arbeit bei der Deutschen Bahn AG. Die jetzt bekannt gewordenen verdachtsunabhängigen Spionageaktionen im Geheimdienststil gegen Bahnmitarbeiter sind der Gipfel. Campact hat deshalb die Aktion: „Es reicht, Herr Mehdorn – Treten Sie zurück!“ gestartet.
Zwischen 1998 und 2006 hat die Deutsche Bahn nach eigenen Angaben (pdf (ca. 1MB)) mindestens fünf mal Wohnadressen, Telefonnummern und Bankverbindungen von bis zu 188.602 Mitarbeiter/innen mit Daten von Lieferanten abgeglichen, um so möglichen Korruptionsfällen vorzubeugen. Es wurden – ohne Differenzierung – alle „greifbaren“ Personaldaten verdachtsunabhängig überprüft. Die Mitarbeiter/innenvertretungen wurden – auch im Nachhinein - nicht informiert. Durchgeführt wurden die Projekte von Detekteien wie Network Deutschland. Network Deutschland ist auch in den Datenschutzskandal der Deutschen Telekom verstrickt.
Die Arbeit der Bahn-Konzernrevision trägt bei weiteren Maßnahmen geradezu geheimdienstliche Züge. So haben von der Bahn beauftragte Detekteien unter allerlei skurrilen Projektdecknamen auch Informationen über Mitarbeiter/innen zusammengetragen, die so ohne weiteres nicht öffentlich zugänglich waren (Kontobewegungen, Kfz-Halter, Immobilien, Verwandtschaftsverhältnisse).
Besonders skandalös ist das im oben genannten Bericht der Bahn beschriebene Projekt Uhu: Im Dezember 2002 hat sich ein Bahnmitarbeiter unter dem Pseudonym Hartmut Mehdorn an mehrere Finanzbehörden gewendet und der Bahn ein Grundsteuerdelikt vorgeworfen. In der Folge beauftragte die Bahn die Network Deutschland, nicht etwa um den Steuerbetrugsvorwürfen auf den Grund zu gehen, sondern um den entsprechenden Mitarbeiter zu ermitteln, so dass gegen ihn vorgegangen werden könne. Dabei wurden u.a. auch private E-Mails von 40 Mitarbeiter/innen sowie deren Korrespondenz an den Betriebsrat ausgewertet.
Campact-Aktion vor der Sondersitzung des DB-Aufsichtsrats am 18. Februar in Frankfurt.
Bereits 2008 hatte die Bahn eingeräumt mit der Berliner Ermittlungsfirma Network Deutschland zusammenzuarbeiten. Damals hieß es, knapp 800 Mitarbeiter/innen des Bahn-Managements seien davon betroffen. Seitdem kommen Einzelheiten über das wahre Ausmaß des Skandals nur scheibchenweise ans Tageslicht.
Anstatt mit aller Kraft Licht in die Angelegenheit zu bringen, wird vertuscht, verschwiegen und gegen Kritiker vorgegangen. Im Bericht der Bahn heißt es, dass davon ausgegangen werden könne, dass die Akten zu vielen Projekten der Innenrevision unvollständig seien. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass auch Dokumente über die Vorgänge vernichtet worden seien.
Am 11.2. hat sich der Verkehrsausschuss des Bundestags mit dem Skandal befasst. Doch im tags zuvor vorgelegten Zwischenstandsbericht (s.o.) geht die Bahn an keiner Stelle auf 119 Fragen ein, die der Verkehrsausschuss der Bahnführung als Vorbereitung auf die Sitzung gestellt hatte. Der zuständige Leiter der Konzernrevision, Josef Bähr wurde kurzfristig vor dem Termin im Bundestag beurlaubt, so dass er den Fragen der Parlamentarier nicht mehr antworten kann.
Dem Blog netzpolitik.org wurde eine Unterlassungserklärung geschickt und mit juristischen Konsequenten gedroht. Dort wurde ein bisher unbekanntes Orginaldokument über den Datenskandal bei der Bahn eingestellt. Erst nach einem Proteststurm im Internet hat der Konzern angekündigt, nicht weiter gegen netzpolitik.org vorgehen zu wollen.
Wir finden, die Frage spielt für den Rücktritt keine Rolle mehr. Im vorliegenden Fall erscheint es abwegig, dass die Mehdorn direkt unterstellte Konzern-Innenrevision über 10 lange Jahre ohne Wissen und Information des Konzernchefs gearbeitet hat. Klar ist, er trägt auch dann die politische Verantwortung, wenn sich eine ganze Konzern-Abteilung über ein Jahrzehnt wie ein Geheimdienst gerieren kann.
Darüber hinaus ist der Datenskandal der Tropfen, der die Geschichte des selbstherrlichen Bahnchefs zum Überlaufen bringt, nach Jahren von Fehlentscheidungen zu Lasten von Bürgerinnen und Bürgern:
Hartmut Mehdorn stand nie für eine Bahn der Bürgerinnen und Bürger in öffentlicher Verantwortung. Seine Fehlentscheidungen der Vergangenheit und sein Verhalten jetzt bei der Spitzelaffaire lassen nur einen Schluß zu: Herr Mehdorn, treten Sie zurück. Es reicht!
Kontakt | Impressum | Datenschutz | Hilfe | Newsletter [ab-]bestellen | Drucken
Campact auf anderen Plattformen: rss | twitter | YouTube | facebook